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Kultur

Die Mühle und das Kreuz

Entstehungsgeschichte eines Gemäldes

Malerbiografien gibt es zahlreiche im Kino, dass aber ein Bild zur Grundlage eines Films wird, ist mehr als außergewöhnlich. Der polnische Regisseur Lech Majewski hat genau das mit Pieter Bruegels "Die Kreuzlegung Christi" gemacht. In "Die Mühle und das Kreuz" erzählt er die Entstehungsgeschichte dieses Gemäldes, das im Wiener Kunsthistorischen Museum hängt.

Kulturjournal, 02.03.2012

Regisseur Lech Majewski im Gespräch mit

Wolfgang Popp

"Die Kreuzlegung Christi" aus dem Jahr 1564 ist eines der komplexesten Gemälde Pieter Bruegels des Älteren. Das biblische Motiv hat der Maler in seine flandrische Heimat verlegt, Hunderte Figuren bevölkern das Bild.

"Bruegel ist für mich der filmischste unter allen Malern", sagt Regisseur Lech Majewski. "Er erinnert mich stark an Fellini, weil er auch Welten schafft, in die man eindringen und an denen man teilhaben möchte. Andere Maler zeigen Personen, die für den Betrachter posieren, in Bruegels Bildern jedoch sind sämtliche Figuren so in das Geschehen versunken, dass sie überhaupt nicht bemerken, dass es jemanden gibt, der sie beobachtet."

Kultur aktuell, 02.03.2012

Vom Computer zusammengesetzt

Majewski lässt den im Bild angedeuteten Alltag der Menschen lebendig werden, er beobachtet Bruegel bei der Konzeption seines Gemäldes, wie er mit dem Skizzenbuch durch die Gegend streift und Eindrücke sammelt. Und er zeigt die damalige politische Situation: die Unterdrückung der Bevölkerung durch die spanischen Habsburger.

Aus Fragmenten hat Majewski die Bilder seines Films aufgebaut. Um genau die dem Bruegel-Gemälde entsprechende Wolkenstimmung zu bekommen, hat er etwa den Himmel über Neuseeland gefilmt. Andere Bildelemente wieder hat er nachgemalt. Die Schauspieler mussten meist einzeln vor neutralem Hintergrund agieren. Anschließend wurden diese Puzzlesteine aufwendig zusammengefügt.

"Jede Einstellung besteht aus mindestens vierzig Ebenen und das geht hinauf bis zu 147 Ebenen", so Lech Majewski. "Wir brauchten eine ganze Reihe an Computern, um die benötigte Rechenleistung zu erbringen. Jedes Bild ist eine Kombination aus realen Aufnahmen und von mir im Stil Bruegels gemalten Elementen. Manche von Bruegel nur angeschnittenen Gegenstände wie etwa der Baum am linken Bildrand, musste ich als Ganzes malen. Weil wir wollten, dass der Wind in seinen Zweigen spielt, mussten ihn die Computergrafiker anschließend zerlegen und animieren."

"Verbotenes Wort" Schönheit

Der 58-jährige Lech Majewski ist ein ungewöhnlich vielseitiger und schwer einordenbarer Künstler. Seine Filme laufen im Kino und bei den großen Festivals, sie wurden aber auch schon im New Yorker Museum of Modern Art gezeigt. Daneben malt Majewski und schreibt Drehbücher, Romane und Lyrik. Den zeitgenössischen Kunstbetrieb ignoriert er so weit wie möglich: "Schönheit ist heutzutage ein verbotenes Wort in der Kunstkritik. Die Kunst muss heute zersplittert sein, ein Fragment und unbedingt provokant. Wenn aber alles provokant ist, dann gibt es nichts mehr, das noch provoziert."

Der Film "Die Mühle und das Kreuz" feiert opulent und liebevoll, nostalgisch und ehrfürchtig nicht nur einen Maler und sein Bild, sondern auch den Geist der Renaissance. Und das ist zum einen schön anzusehen, und zum anderen in seinem Gegenwartsverdruss auch schon wieder provokant.

Gestaltung: Wolfgang Popp · 02.03.2012

Service

Die Mühle und das Kreuz (englisch)

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