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Musik

Christian Muthspiel über das Jodeln

Jodeln am Gipfel ist "ein Ritual"

"Kunst ist etwas, das Körper, Geist und Seele inspiriert, ob das jetzt ein Musikstück ist, ein Theaterstück, ein Buch oder ein Bild, es muss in irgendeiner Form emotional etwas auslösen, dann erst bin ich bereit, mich auch intellektuell damit auseinanderzusetzen." (Christian Muthspiel)

Ein wohliger Schauer, ein anregender Gedanke und eine berührte Seele, das alles gehört für Posaunist und Komponist Christian Muthspiel zum Gesamterlebnis Kunst. Und kein anderes Genre, so befindet der gebürtige Steirer, befriedigt diese Ansprüche so sehr wie das Jodeln.

Christian Muthspiel, Posaunist

Metamorphose des Jodlers zum Jazz und zum Blues

Die weiten Schneefelder des Dachstein, die Steilhänge der Rax, der Gipfel des Hochschwab - Christian Muthspiel erlebte die steirischen Berge in seiner Jugend als eine Welt der Abenteuer - und als eine Welt, die untrennbar mit einem archaischen Ausdruck von Musik verbunden war: Gemeinsam mit seinem Bruder, dem Gitarristen Wolfgang Muthspiel, sowie dem Vater, einem Komponisten und leidenschaftlichen Sammler von Volksliedern, verband Christian Muthspiel die körperlichen Grenzerfahrungen einer Bergbesteigung mit der Jahrhunderte alten Tradition: Am Gipfel angekommen wird mit lauter Stimme so viel Luft wie möglich aus der Lunge gepresst, um alle Strapazen der Wanderung mit einem Mal loszuwerden.

"Direkt ins Sonnengeflecht"

"Wenn es unten nebelig war und oben reißt der Himmel auf, und man steht dort oben und hat eine unglaubliche Umsicht, ist körperlich erschöpft; wenn dann der Jodler ins Tal hinunter dringt, dann berührt das eben Körper, Geist und Seele."

Yodel Group heißt daher auch eine von Christian Muthspiel vor drei Jahren gegründete Formation. Musiker aus den Vereinigten Staaten, Österreich, der Schweiz und Frankreich unternehmen da gemeinsam das Experiment, zünftige Jodler in die Sprache des Jazz und des Blues zu übersetzen. Nachzuhören auf der CD "huljo", die so schöne Titel wie "Yodeler from the Zirbitzkogel", "Yodeler from the Präbichl" oder "On Top oft the Strah" enthält.

Die Metamorphose des Jodlers zum Jazz und zum Blues ergab sich wie von selbst, sagt Christian Muthspiel, denn der Jodler und der Blues seien sehr stark verwandt. Die amerikanischen wie auch die französischen Musiker seiner Yodel Group konnten sich auf Anhieb in die archaischen Klänge einfühlen. Der Grund, so Christian Muthspiel: Beim Jodeln handelt es sich um eine universale Sprache, die jeder versteht, ob er in New York oder Paris, auf Hawaii oder in Alaska lebt, ob er akademisch gebildet ist oder ungeschulte Ohren hat.

"Wenn jemand, der keine musikalische Vorbildung hat und aus einem anderen Teil der Welt kommt, einen Jodler hört oder ein sehr spezifisches Orchesterstück aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wird ihn in relativ hoher Wahrscheinlichkeit der Jodler mehr ansprechen - einfach aufgrund dessen, dass eben gewisse Parameter, die zum Orchesterstück geführt haben, in einer Art von Vorbildung als Voraussetzung fungieren müssen um einzusteigen in den Kosmos dieses Komponisten. Und deswegen glaube ich, es gibt diese universelle Musiksprache, die archaische Musik, die quasi direkt ins Sonnengeflecht einfährt ohne dass irgendjemand was wissen muss."

Keine Bereitschaft zu Wagnissen mehr

Demnächst gehen Christian Muthspiel und seine Yodel Group auf Tournee. Am 18. April 2012 werden die Musiker etwa in Graz gastieren. Dort, so betont Muthspiel, wurde einst allen Widerständen zum Trotz das kontroversielle Kulturprojekt steirischer herbst realisiert. Heute sei man zu derartigen Wagnissen kaum mehr bereit. Kunst werde in Zeiten des Sparpakets unter ihrem Wert verkauft, so die nüchterne Diagnose des Musikers.

Gestaltung: Christa Eder · 15.03.2012

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